ADHS-SelbsteinschätzungAufmerksamkeit & Impulskontrolle
ADHS im Arbeitsleben

Ein möglicher, oft übersehener Treiber von Fehlzeiten

ADHS kann die Arbeitsfähigkeit erwachsener Beschäftigter auf mehreren Ebenen beeinflussen: durch Schwierigkeiten im Arbeitsalltag, einen hohen Kraftaufwand für Kompensation und zusätzliche psychische Belastungen. Für Unternehmen bleibt dieser Zusammenhang häufig unsichtbar, solange Betroffene ihre Schwierigkeiten nach außen erfolgreich ausgleichen.

Was Untersuchungen zeigen

ADHS kann mit Arbeitsausfällen und eingeschränkter Leistungsfähigkeit verbunden sein

Die folgenden Ergebnisse stammen aus internationalen Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge auf, beweisen aber nicht, dass ADHS jeden einzelnen Ausfall verursacht.

3,5 %

der untersuchten Erwerbstätigen

erfüllten in einer WHO-Auswertung aus zehn Ländern schätzungsweise die damaligen Kriterien einer ADHS im Erwachsenenalter. Untersucht wurden Erwerbstätige zwischen 18 und 44 Jahren.

8,4 Tage

zusätzliche Abwesenheit pro Jahr

waren in derselben Auswertung statistisch mit ADHS verbunden. Hinzu kamen deutlich mehr Tage mit verringerter Arbeitsmenge oder Arbeitsqualität. Das sind Gruppenwerte, keine Prognose für einzelne Menschen.

2,7-fach

höheres Risiko langer Fehlzeiten

zeigte eine schwedische Registerstudie bei jungen Erwachsenen mit diagnostizierter ADHS gegenüber einer vergleichbaren Kontrollgruppe. Als lange Fehlzeit galten mehr als 90 Tage.

Viele Fälle bleiben im Erwachsenenalter unerkannt

Eine repräsentative deutsche Bevölkerungsstudie schätzte die aktuelle ADHS-Prävalenz bei Erwachsenen von 18 bis 64 Jahren auf 4,7 %. In bundesweiten Abrechnungsdaten lag die dokumentierte Diagnoseprävalenz bei Erwachsenen 2023 dagegen bei 0,6 %. Da beide Ansätze Unterschiedliches messen, lassen sich die Werte nicht direkt gegeneinander verrechnen. Die große Differenz stützt jedoch die Annahme, dass ADHS bei vielen Erwachsenen unerkannt bleibt.

Hinzu kommt ein Generationeneffekt: Die heute 45- bis 50-Jährigen waren bereits erwachsen, als 2003 die erste deutsche Leitlinie speziell zur ADHS im Erwachsenenalter erschien. In ihrer Kindheit wurde ADHS noch überwiegend als Störung des Kindes- und Jugendalters verstanden, die sich mit dem Erwachsenwerden verliere. Betroffene dieser Generation konnten deshalb in der damaligen Diagnostik leicht übersehen werden – besonders dann, wenn sie ihre Schwierigkeiten kompensierten oder keine ausgeprägte äußere Hyperaktivität zeigten.

Auch die übrigen Zahlen lassen sich nicht unmittelbar auf ein bestimmtes deutsches Unternehmen übertragen. Alter, Branche, Arbeitsbedingungen, Begleiterkrankungen, Versorgung und Studiendesign beeinflussen die Ergebnisse.

Wie sich Belastungen zeigen können

Wenn alltägliche Selbststeuerung viel Kraft kostet

ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Im Erwachsenenalter kann sie sehr unterschiedlich aussehen; nicht jedes Merkmal trifft auf jede Person zu. Für eine fachliche Einordnung zählen unter anderem die Entwicklung seit Kindheit oder Jugend, Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen und mögliche andere Erklärungen.

Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Fokus kostet
sehr viel Kraft

Monotone Aufgaben, häufige Unterbrechungen und viele parallele Informationen können das Konzentrieren erschweren. Arbeitsgedächtnis und zuverlässiges Erinnern können zusätzlich belastet sein.

Organisation und Abschluss

Prioritäten geraten durcheinander

Beginnen, strukturieren, Zeit einschätzen und Aufgaben abschließen können unverhältnismäßig viel Energie verlangen. Sichtbar wird mitunter erst das Ergebnis – nicht der Aufwand dahinter.

Aktivität und Impulskontrolle

Innere Unruhe bleibt oft verborgen

Bei Erwachsenen zeigt sich Hyperaktivität nicht immer äußerlich. Möglich sind innere Getriebenheit, ständiges Nebenher-Tun, vorschnelle Reaktionen oder Schwierigkeiten, Gesprächsimpulse zurückzuhalten.

Warum ADHS lange unbemerkt bleiben kann

Kompensation kann Schwierigkeiten verdecken

Viele Erwachsene entwickeln eigene Strategien: feste Routinen, Listen und Erinnerungen, übergenaue Vorbereitung, Arbeiten unter hohem Zeitdruck oder das konsequente Vermeiden besonders schwieriger Situationen. Solche Strategien können sehr wirksam sein und beruflichen Erfolg ermöglichen.

Sie können zugleich viel zusätzliche Kraft kosten. Außenstehende sehen dann eine funktionierende Person, während Konzentration, Organisation und Selbststeuerung im Hintergrund dauerhaft mehr Energie beanspruchen. Das kann erklären, warum ADHS erst spät erkannt wird.

Wenn die Kompensation nicht mehr reicht

Bis zu einem gewissen Punkt reichen die Kräfte – dann kann das System kippen

Erlernte Routinen und Ausgleichsstrategien funktionieren häufig nur unter bestimmten Bedingungen. Steigen Anforderungen gleichzeitig an oder fallen vertraute Strukturen weg, kann der bisher tragfähige Ausgleich plötzlich nicht mehr genügen.

Dann können Überforderung, Fehler, Aufschieben, Schlafprobleme, emotionale Anspannung oder Fehlzeiten deutlich zunehmen. Das bedeutet nicht, dass ADHS plötzlich entstanden ist. Vielmehr können schon länger bestehende Schwierigkeiten sichtbar werden, weil die bisherige Kompensation nicht mehr ausreicht.

Berufliche Veränderungenmehr Verantwortung, Beförderung, neue Abläufe, Personalwechsel oder Arbeitsplatzverlust
Private Veränderungenneue Partnerschaft, Trennung, Geburt eines Kindes, Hausbau, Wechseljahre oder Pflege von Angehörigen
Mehrere Belastungen zugleichZeitdruck, Konflikte, Schlafmangel und zusätzliche Aufgaben können sich gegenseitig verstärken
Wegfall vertrauter Strukturenneue Arbeitsorte, wechselnde Teams oder weniger äußere Ordnung können bisherige Routinen unterbrechen
Komorbiditäten

Begleiterkrankungen können das Bild überlagern und die Belastung verstärken

Bei Erwachsenen mit ADHS treten andere psychische oder neuroentwicklungsbezogene Erkrankungen häufiger auf als bei Erwachsenen ohne ADHS. Besonders häufig beschrieben werden depressive und Angststörungen sowie Substanzkonsumstörungen. Auch Schlafstörungen, Essstörungen und spezifische Lernstörungen können gleichzeitig bestehen.

Psychische ErkrankungenDepressionen, Angst- und Panikstörungen, Substanzkonsumstörungen oder Essstörungen können eigene Beschwerden verursachen und den Umgang mit ADHS zusätzlich erschweren.
Schlaf und ErholungEin- und Durchschlafprobleme oder ein deutlich verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus können Aufmerksamkeit, Belastbarkeit und Emotionsregulation weiter beeinträchtigen.
Weitere EntwicklungsstörungenZum Beispiel spezifische Lernstörungen oder Autismus können zusätzlich vorliegen. Die Überschneidungen müssen in einer sorgfältigen Diagnostik voneinander abgegrenzt werden.

Wichtig: „Komorbid“ bedeutet zunächst nur, dass Erkrankungen gleichzeitig vorkommen. Daraus folgt nicht automatisch, dass ADHS die andere Erkrankung verursacht hat. Umgekehrt dürfen Konzentrationsprobleme bei Depression, Angst, Schlafmangel oder anderen Erkrankungen nicht vorschnell als ADHS eingeordnet werden.

Was Unternehmen sinnvoll tun können

Niedrigschwelligen Zugang und Orientierung anbieten

Die ADHS-Aktion verbindet – idealerweise im Rahmen eines Gesundheitstags – einen niedrigschwelligen Zugang mit einer verständlich eingeordneten Selbsteinschätzung zu möglichen ADHS-bezogenen Schwierigkeiten.
Nach Abschluss der Aktion erhält das Unternehmen einen anonym zusammengefassten Bericht über die Nutzung und die freiwillig beigetragenen Orientierungsergebnisse.

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Wissenschaftliche Grundlagen

Quellen und Grenzen

  1. Ebert, Krause und Roth-Sackenheim (2003): Erste deutsche Leitlinie speziell zur ADHS im Erwachsenenalter
  2. de Zwaan et al. (2012): Geschätzte Prävalenz von ADHS bei Erwachsenen in einer repräsentativen deutschen Bevölkerungsstichprobe
  3. Betzler et al. (2026): Diagnoseprävalenz und Versorgung bei ADHS in deutschen Abrechnungsdaten
  4. de Graaf et al. (2008): ADHS und Arbeitsleistung in der WHO World Mental Health Survey Initiative
  5. Kessler et al. (2009): Prävalenz und Arbeitsplatzkosten in einem großen Produktionsunternehmen
  6. Helgesson et al. (2023): Langzeitfehlzeiten und Arbeitsmarktteilhabe junger Erwachsener mit ADHS
  7. Lauder et al. (2022): Systematische Übersicht zu Unterstützung von Erwachsenen mit ADHS am Arbeitsplatz
  8. Canela et al. (2017): Fähigkeiten und Kompensationsstrategien bei Erwachsenen mit ADHS
  9. Ginsberg et al. (2023): Unterdiagnostik von ADHS im Erwachsenenalter und die Rolle von Kompensation und Lebensübergängen
  10. Song et al. (2022): Systematische Übersicht zu psychischen Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ADHS
  11. NICE-Leitlinie NG87: Diagnostik und Behandlung von ADHS

Die Forschung zu konkreten betrieblichen Maßnahmen ist bislang begrenzt. Die dargestellten Studien beschreiben Gruppenunterschiede und erlauben keine Aussage über einzelne Beschäftigte oder die Ursache konkreter Fehlzeiten. Die Beispiele zu möglichen Kipppunkten beschreiben plausible und berichtete Belastungskonstellationen, keine zwangsläufige Entwicklung.